David Dekorsi.

Widerworte

Deutschland will euch nicht

Generation ohne Perspektive

September 2026 13 Minuten Lesezeit Erstveröffentlichung

Sie sind zwischen 1997 und 2003 geboren. Sie haben in Wohlstand studiert, in Isolation gelitten und in einer Wirtschaftskrise soll ihre Karriere beginnen. Heute stehen sie vor verschlossenen Türen: auf dem Arbeitsmarkt, auf dem Wohnungsmarkt, in der Politik. Niemand interessiert sich, niemand fühlt sich für sie zuständig. Und die Konsequenzen für die Demokratie werden noch kommen.

I. Das Ende der Geschichte als Kindheitsmythos

Wer zwischen 1997 und 2003 geboren wurde, ist in einer eigentümlichen historischen Blase aufgewachsen. Die Sowjetunion war längst Geschichte, der Kalte Krieg Lehrbuchstoff, und das vereinte Deutschland befand sich, so das kollektive Selbstbild, auf einem unaufhaltsamen Aufwärtspfad. Die Finanzkrise 2008 ließ sich noch als kurzfristige Turbulenz deuten; sie war spürbar, aber folgenlos für das große Narrativ. Deutschland erholte sich schnell, wuchs weiter, und trat bald als Exportweltmeister auf, ein Land, das die Formel des Erfolgs gefunden zu haben schien.

Für die Heranwachsenden dieser Jahre bedeutete das: Sorgen sind unnötig. Nicht nur als elterliche Botschaft, sondern als strukturelle Kollektivgewissheit. Die Lehrer dieser Generation, selbst häufig Babyboomer, vermittelten sie mit einer Überzeugung, die sich aus biografischer Erfahrung speiste: Bei uns war der Arbeitsmarkt überfüllt, bei euch ist er leer. Die Demografie arbeitet für euch. Der Fachkräftemangel ist euer Rückenwind.

Und lange stimmte das. Wer um 2018 oder 2019 sein Studium abschloss, konnte sich seine Stelle aussuchen. Karrieremessen glichen Auktionen, bei denen die Unternehmen um die Gunst der Absolventen wetteiferten. Einstiegsgehälter stiegen, Vorverträge wurden mit nach Hause genommen, die Frage lautete nicht "Finde ich etwas?" sondern "Was wähle ich aus?"

Dieses Bewusstsein formte eine Generation. Es prägte ihre Bildungsentscheidungen, ihre Berufswahl, ihre Risikobereitschaft, ihre Lebensplanung. Das war kein naiver Optimismus, es war der rationale Schluss aus allen verfügbaren Signalen.

II. Die Pandemie als Einschnitt, den niemand aufarbeitete

Ab März 2020 brach die Welt dieser Generation auseinander. Was folgte, war keine gemeinsam getragene Krise, sondern eine asymmetrisch verteilte Zumutung. Schüler und Studierende zahlten einen unverhältnismäßig hohen Preis, und dieser Preis wurde bis heute von der öffentlichen Debatte kaum zur Kenntnis genommen.

Schulen schlossen, Universitäten stellten auf Distanzbetrieb um, und der Alltag junger Menschen kollabierte in Isolation. Wer in eine neue Universitätsstadt gezogen war, saß nun monatelang allein in einem möblierten Zimmer. Wer noch zu Hause wohnte, erfuhr auf engem Raum den Druck familieninterner Spannungen. Soziale Grundbedürfnisse, Begegnung, Zugehörigkeit, gemeinsames Erleben, wurden für zwei Jahre ersatzlos gestrichen. Und während die Landes, und Bundespolitik wenigstens über Schulöffnungen debattierte und der Föderalismus seinen üblichen Flickenteppich produzierte, fanden Studierende kaum Erwähnung im öffentlichen Diskurs.

Diskotheken öffneten wieder, bevor Universitäten es taten. Das war nicht nur eine Panne. Es war eine Aussage darüber, wen und was man für entbehrlich hielt.

Die psychischen Folgen sind messbar. Die Zahl der Therapieanfragen unter Zwanzig- bis Dreißigjährigen explodierte, während die Versorgungskapazitäten stagnieren. Viele blieben schlicht allein mit ihrer Not. Gleichzeitig wurde dieser Generation etwas genommen, das sich nicht nachholen lässt: die ersten Semester, die ersten Partys, die erste Mobilität, die Übergangsrituale zwischen Jugend und Erwachsensein. Nicht jeder Verlust ist quantifizierbar. Viele dieser Schäden sind irreparabel.

Die Pandemie endete irgendwann. Die Aufarbeitung hat bis heute nicht begonnen.

III. Der Arbeitsmarkt: Ankunft in einer anderen Wirklichkeit

Wer heute, nach fünf oder sechs Jahren Studium, seinen Abschluss in der Hand hält, trifft auf eine Wirtschaft, die nicht auf ihn gewartet hat. Die konjunkturelle Lage in Deutschland ist seit Jahren prekär; Ökonomen sprechen von der längsten Rezessionsphase der deutschen Nachkriegsgeschichte. Unternehmen konsolidieren, stellen nicht ein, und wo sie doch einstellen, dann keine Berufseinsteiger.

Masterabsolventen mit guten Studienleistungen werden für Jahresgehälter um 32.000 Euro brutto angestellt, wenn sie überhaupt eine Stelle finden. Wie man damit in einer deutschen Großstadt ein eigenständiges Leben führen soll, bleibt unklar. Vielfach liegt die Antwort im elterlichen Wohnzimmer, sofern es vorhanden ist.

Verschärft wird die Situation durch eine technologische Zäsur, die in ihrer Tragweite noch nicht vollständig verstanden werden kann: künstliche Intelligenz übernimmt systematisch genau jene Aufgaben, mit denen Berufseinsteiger traditionell Fuß fassten. Excel-Tabellen, Präsentationen, Recherchen, erste Textentwürfe, all das erledigen Sprachmodelle heute schneller, günstiger und oft präziser als ein Junior-Mitarbeiter. Der Einstieg in den Beruf setzt voraus, dass es eine Einstiegsstufe gibt. Diese Annahme ist nicht mehr selbstverständlich.

Gleichzeitig haben viele Studierende Fächer gewählt, die einst boomten, Kommunikationsdesign, Medienwissenschaften, Kulturmanagement, für die es heute kaum noch Nachfrage gibt. Das Ergebnis: Man schließt ein Studium ab, das man nicht hätte wählen müssen, wenn die Signale ehrlicher gewesen wären, und beginnt direkt mit der Überlegung, sich umzuschulen. Die Alternative, die viele als letzten Ausweg wählen, heißt öffentlicher Dienst: geregelte Arbeitszeiten, Unkündbarkeit, Pension. Es ist eine Wahl der Resignation, getarnt als Vernunft.

IV. Wohnen und Vermögen: Wohlstand nur duch erbe oder glückspiel, nicht durch leistung

Deutschland hat ein Versprechen gebrochen. Es lautete: Wer arbeitet, kann aufsteigen. Wer sich anstrengt, kann sich etwas aufbauen. Wer gut ausgebildet ist, kommt weiter. Für die Generation der Babyboomer galt das, mit 23 Jahren das erste Auto, mit 29 ein Häuschen, mit Mitte dreißig eine abgesicherte Existenz. Für die heute Dreißigjährigen ist das ein kaum vorstellbares Märchen.

Ein Einfamilienhaus im Speckgürtel einer deutschen Großstadt kostet selten unter 650.000 Euro. Drei-Zimmer-Wohnungen in akzeptabler Lage sind unter 450.000 Euro kaum zu finden. Selbst zwei Vollzeitverdiener, die zusammen überdurchschnittlich gut verdienen, stoßen an eine Grenze, die strukturell ist: Eigenkapital fehlt, Eigenkapital wächst nicht aus Gehältern, Gehälter steigen langsamer als Immobilienpreise. Vermögensaufbau über Arbeit ist in Deutschland de facto nicht mehr möglich, er ist nahezu ausschließlich über Erbschaft oder Glücksspiel erreichbar.

Das ist kein Naturgesetz. Es ist das Ergebnis von Jahrzehnten des politischen Versäumnisses in der Wohnungsbau- und Steuerpolitik. Für die betroffene Generation ist diese Unterscheidung allerdings ohne Trost.

V. Die Politik: Schulden auf Kosten der Stimmlosen

In der Coronapandemie wurde diese Generation vergessen. In der Wohnungspolitik wird sie ignoriert. In der Rentenpolitik wird sie bestohlen. Und in der Haushaltspolitik wird sie nun explizit belastet ohne gefragt worden zu sein.

Das Umlagen finanzierte Rentensystem ist strukturell völlig gescheitert. Das ist kein polemischer Befund, sondern arithmetische Tatsache. Junge Erwerbstätige zahlen heute hohe monatliche Beiträge in ein System, aus dem sie, das weiß jeder, der die Projektionsrechnungen kennt, keine Rente erhalten werden, von der sich leben ließe. Die gesetzliche Rente ist für diese Generation keine Altersversorgung; sie ist eine Abgabe ohne Gegenleistung, ergänzt um die Aufforderung, zusätzlich privat vorzusorgen. Wer das aus einem Einstiegsgehalt leisten soll, sei zur Berechnung eingeladen. Nach meinem Rechtsverständis gibt es dafür nur eine Beschreibung: der Tatbestand des Betrugs nach § 263 StGB.

Hinzu kommt der haushaltspolitische Bruch, der im Frühjahr 2025 vollzogen wurde. Eine Bundestagswahl, bei der die Union unter anderem mit dem Versprechen haushälterischer Disziplin antrat, endete wenige Tage nach der Wahl mit der Verabschiedung eines sogenannten Sondervermögens von 500 Milliarden Euro. Sondervermögen ist, in der Sprache der politischen Praxis, ein zynischer Euphemismus für Schulden. Die junge Generation, die CDU mitgewählt hatte, in der Erwartung, man werde nicht weiter auf ihre Kosten wirtschaften, wurde innerhalb einer Woche enttäuscht.

500 Milliarden Euro. Die Zinsen zahlen jene, die bei der Abstimmung noch nicht einmal volljährig waren.

Dass ein erheblicher Teil dieses Sondervermögens nicht, wie angekündigt, in Infrastruktur und Investitionen fließen wird, sondern in die Konsolidierung des Sozialhaushalts, ist die bittere Pointe. Es ist Geld, das in erster Linie Transferleistungen stabilisiert und das auf Kredit, den kommende Generationen zurückzahlen werden. Die moralische Geometrie dieser Entscheidung ist eindeutig: Die, die zahlen müssen, konnten nicht abstimmen. Die, die abstimmten, müssen nicht zahlen.

Der Vollständigkeit halber: Bei der Bundestagswahl 2025 waren 13 Prozent aller Wahlberechtigten jünger als 30 Jahre. 1990 waren es noch 23 Prozent. Eine Generation mit wenig Einfluss, wenig Lobby und wenig Resonanz in den etablierten Parteien.

VI. Psychische Gesundheit: Die stillen Zahlen

54 Prozent der 18- bis 24-Jährigen geben in aktuellen Erhebungen an, unter einer psychischen Erkrankung zu leiden. Zum Vergleich: In der Gesamtbevölkerung sind es 34 Prozent. Diese Differenz ist nicht das Ergebnis von Überempfindlichkeit oder gesteigerter Selbstbeobachtung. Sie ist das Resultat einer Kumulation von Belastungen, die sich über Jahre aufgeschichtet haben: soziale Isolation in der Pandemie, fehlende Therapieplätze, ökonomische Perspektivlosigkeit, politische Entfremdung.

Es wäre reduktiv, diese Zahlen als Individualproblem zu rahmen. Sie sind ein gesellschaftliches Symptom. Eine Generation, der man systematisch die Mittel zur Selbstwirksamkeit entzogen hat: durch einen Arbeitsmarkt, der sie nicht braucht; durch ein Rentensystem, das sie ausbeutet; durch einen Wohnungsmarkt, der sie ausschließt; durch eine Politik, die sie nicht hört, entwickelt psychische Symptome. Das ist keine psychologische Kuriosität. Das ist die vorhersehbare Reaktion auf objektiv dysfunktionale Bedingungen.

VII. Radikalisierung und Abwanderung: Die Rechnung kommt

Was geschieht mit einer Generation, die gelernt hat, dass das System nicht für sie arbeitet? Sie sucht nach Alternativen. Und sie findet sie, in den Rändern des politischen Spektrums.

Bei der Bundestagswahl 2025 wählten die unter 25-Jährigen zu 25 Prozent die Linkspartei und zu 21 Prozent die AfD. Die Union kam auf schlappe 13 Prozent. Das Zentrum hat diese Generation verloren. Und es hat gute Gründe dafür: Es hat sich um sie nicht gekümmert, wenn es darauf ankam.

Die Dynamik, die hier sichtbar wird, ist keine vorübergehende Proteststimmung. Sie ist strukturell. Junge Menschen, die weder wirtschaftlich noch politisch einen Platz im System finden, sind empfänglich für Angebote, die das System grundsätzlich infrage stellen. TikTok und Instagram fungieren dabei als Brandbeschleuniger: Algorithmen belohnen Radikalität mit Reichweite, und Radikalität findet bei denen fruchtbaren Boden, die das Bestehende als feindlich erleben. Was heute 46 Prozent Extremwahl ist, könnte morgen mehr sein.

Die zweite Möglichkeit: Abwanderung. Wer gut ausgebildet ist, mobil, jung und ohne Bindung an Eigentum oder Familie, und das beschreibt diese Generation präzise, dem fällt das Gehen leicht. Länder mit wachsenden Volkswirtschaften, einfacherer Gründerkultur und besseren Einstiegsgehältern sind keine Utopie; sie existieren, und ihr Anteil am globalen Wachstum steigt. Sollten ausländische Regierungen auf die naheliegende Idee kommen, Visa-Programme gezielt für gut ausgebildete Deutsche zwischen 20 und 30 aufzulegen, verliert Deutschland diese Generation doppelt: einmal ihre Leistung, einmal die staatlichen Investitionen in ihre Ausbildung. Das universitäre Studium in Deutschland ist massiv subventioniert. Die tatsächlichen Kosten liegen weit über den symbolischen Studiengebühren. Dieses öffentliche Investment würde schlicht in anderen Volkswirtschaften Wertschöpfung betreiben.

VIII. Eine bittere Schlussfolgerung

Deutschland zieht sich gerade eine Generation heran, die dem demokratischen Zentrum entfremdet ist. Das ist kein Naturereignis und kein Generationenkonflikt in dem harmlosen Sinne, den man diesem Begriff gerne zuschreibt. Es ist das Resultat konkreter politischer Entscheidungen, struktureller Versäumnisse und einer kollektiven Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber einer Kohorte, die nie laut genug war, um gehört zu werden.

Eine Generation, die niemand braucht, so jedenfalls signalisiert es der Arbeitsmarkt. Eine Generation, die niemand hört, so jedenfalls verhält es sich in der Politik. Eine Generation, die durch Leistung nichts aufbauen kann, so jedenfalls ist es auf dem Wohnungsmarkt. Was dieser Generation bleibt, sind Restoptionen: der öffentliche Dienst als Fluchtburg, Radikalparteien als Ventil, das Ausland als Ausweg.

Die Demokratie lebt von der Überzeugung, dass das System für alle arbeitet oder zumindest bereit ist, für alle zu arbeiten. Wer 25 Prozent seiner jüngsten Wählerschaft an die Linkspartei und 21 Prozent an die AfD verliert, hat diese Überzeugung offenbar nicht mehr transportieren können. Wer diese Zahlen liest und sie für ein vorübergehendes Phänomen hält, irrt.

Die Rechnung kommt. Sie kommt in Wahlurnen. Sie kommt in Abwanderungsstatistiken. Sie kommt in psychischen Erkrankungsziffern. Und sie kommt, am Ende, in der Frage, wer in zwanzig Jahren dieses Land noch trägt. Deutschland verdient euch nicht.

Eine Gesellschaft, die ihre Jüngsten systematisch übergeht, darf sich nicht wundern, wenn diese aufhören, sich mit ihr zu identifizieren.

Anmerkungen zur Methodik

Die genannten Wahldaten beziehen sich auf Nachwahlbefragungen zur Bundestagswahl 2025. Angaben zur psychischen Gesundheit entstammen dem AXA Mental Health Report. Immobilienpreise basieren auf Marktdaten führender Maklerverbände für 2024/2025. Alle Zahlen dienen der illustrativen Einordnung; Einzelnachweise auf Anfrage.

Quellen

  • Psychische Gesundheit: AXA Mental Health Report, Erhebung Ipsos. axa.de
  • Wahlverhalten der unter 25-Jährigen: Nachwahlbefragung Infratest dimap. bundestagswahl-bw.de
  • Zweitstimmen nach Altersgruppen: Repräsentative Wahlstatistik des Statistischen Bundesamts. destatis.de
  • Altersstruktur der Wahlberechtigten: Bundeszentrale für politische Bildung nach Daten der Bundeswahlleiterin. bpb.de

David Dekorsi

Publizist für Generationengerechtigkeit, Wirtschaft und christliche Sozialethik. Er schreibt die Kolumne HeuteÜberMorgen in IDEA. Anfragen und Kontakt.

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