David Dekorsi

Widerworte

Leiber und Seelen

Die letzte Stufe Babylons?

24. September 2026 7 Minuten Lesezeit Erstveröffentlichung

Bei „Maison Tabou“ gehen Singles erst ins Bett und erfahren beim Frühstück, wie der andere heißt. Der Sender feiert das als Bruch mit Konventionen. Wer genauer hinsieht, findet vor allem einen Verkaufsraum.

Neben dem Bett steht eine Schale. Darin liegen rund vierzig Kondome, Gleitgel, Massage- und Duftöle, Wachs, Honig, Augenmasken, Handschellen und Dildos. Das Bett gehört zu einer Suite aus schwarzem Marmor, darüber hängt ein großer Spiegel, und fünf bis sechs Kameras stellen sicher, dass nichts von dem, was hier geschieht, unter vier Augen bleibt. So hat die BILD bei einem Setbesuch den Drehort von „Maison Tabou“ beschrieben, der neuen Datingshow von RTLZWEI. Seit dem 23. September ist sie auf RTL+ abrufbar, ab dem 30. September läuft sie mittwochs um 23:35 Uhr im Programm.

Das Konzept dreht das Kennenlernen um. Die Singles checken in einem Hotel ein und geben an der Rezeption ihre Identität ab. Sie bekommen andere Namen, tragen Kostüme zu einer Fantasie und begegnen einander bei inszenierten Dates. Beim Besuch der Reporter lautete das Motto „Hochzeitsnacht“, mit weißen Rosen, Rosenbögen und Kerzen. Ob es danach in der Suite zum Sex kommt, entscheiden die beiden selbst. Erst am nächsten Morgen, beim Frühstück, fällt die Maske, und sie erfahren, mit wem sie die Nacht verbracht haben. Über allem wacht eine Hausherrin namens „Madame“, die ihre Gäste aus dem Verborgenen beobachtet und von ihnen nie gesehen wird.

Man könnte das als nächste Runde eines Privatfernsehens abtun, das seit Jahrzehnten mit nackter Haut Quote macht. Das Aufschlussreichste über das Format findet sich allerdings in einer Mitteilung der Produktionsfirma UFA. Entwickelt wurde „Maison Tabou“ gemeinsam mit RTLZWEI und dem Erotikhändler Orion. Erstmals behält die UFA die Rechte am eigenen Format, und mit Orion soll daraus eine Marke werden, mit Merchandise und einer Sextoy-Linie unter dem Namen der Show. Die Schale neben dem Bett wird damit zum Schaufenster, und was die Paare in den Suiten tun, zur Produktvorführung. Orions Marketingverantwortliche erklärt recht unverblümt, worin der Wert liegt. Inhalte rund um Sex und Sextoys seien heute allgegenwärtig, wirkten aber häufig inszeniert und wenig greifbar. „Reale Menschen machen den Unterschied.“ Sie liefern, was keine Werbung mehr herstellen kann: den Anschein des Echten.

Mir drängt sich bei solchen Berichten das Wort Babylon auf, und mit ihm das Gefühl, eine letzte Stufe erreicht zu haben. Das klingt nach Empörung, die sich mit einem großen Wort veredelt. Dabei ist der Vergleich genauer, als die meisten ahnen, die ihn benutzen. In der Offenbarung des Johannes ist Babylon Hure und Handelsmetropole zugleich. Die Könige der Erde treiben Unzucht mit ihr, und die Kaufleute sind, so übersetzt Luther, „reich geworden von ihrer großen Wollust“. Als die Stadt fällt, klagen vor allem die Händler, weil niemand mehr ihre Ware kauft. Johannes zählt diese Ware auf: Gold und Silber, Perlen, Seide und Scharlach, Elfenbein und Marmor, Zimt und Weihrauch, Wein, Öl und Weizen, Schafe, Pferde und Wagen. Die Liste endet mit „Leiber und Seelen der Menschen“.

Das Bild trifft, weil es eine Richtung beschreibt. Die Aufzählung steigt vom Luxus zum Lebensnotwendigen hinab und von dort zum Menschen, erst zu seinem Leib, dann zu dem, was ihn zur Person macht. Mit Leibern waren in antiken Warenlisten Sklaven gemeint. Babylon ist in dieser Lesart die Stadt, in der nichts mehr jenseits des Marktes liegt. Man muss kein Gegner des Marktes sein, um das zu sehen. Gerade wer ihn verteidigt, weiß, dass er von Tugenden lebt, die er nicht selbst hervorbringt, und dass er verdirbt, was man ihm ohne Grenze überlässt.

Bleibt die Frage, was hier eigentlich verkauft wird. Sex allein kann es kaum sein, davon hält das Internet mehr bereit als jeder Sender. Neu an „Maison Tabou“ ist die Reihenfolge. Die Bibel hat für die geschlechtliche Vereinigung ein Wort gewählt, das bis heute erstaunt: „Und Adam erkannte sein Weib Eva.“ Dahinter steht eine Anthropologie, für die der Leib die sichtbare Gestalt der Person ist. Wer einen Menschen körperlich liebt, lernt ihn kennen, und deshalb hat die Tradition diese Nähe an den Namen gebunden, an ein Versprechen und an den Morgen danach, genauer an alle Morgen danach.

Die Show kehrt diese Ordnung um und macht daraus ein Spiel. Die Nacht gehört dem Kostüm und dem Kunstnamen, der wirkliche Name kommt zum Kaffee. Die Macher preisen das als Verführung frei von Vorurteilen: Beim ersten Date sollen weder Beruf noch Wohnort noch Alter zählen, nur Anziehung, Fantasie und Bauchgefühl. Was an der Rezeption als Vorurteil abgegeben wird, ist allerdings die Biografie, also genau das, was einen Menschen von allen anderen unterscheidet. Übrig bleibt, was sich austauschen lässt. Damit ist man wieder bei der Schale neben dem Bett, denn Austauschbarkeit ist die Grundbedingung jeder Ware. Ein Mensch ohne Namen und Geschichte lässt sich besetzen, ausleuchten und in Serie produzieren, zehn Folgen lang und mit Fortsetzung, sobald die Quote stimmt.

Der naheliegende Einwand lautet, es handle sich um Erwachsene. Niemand wird gezwungen, Sex ist ausdrücklich kein Muss, die Sendung läuft spät in der Nacht, und wer sie nicht sehen will, schaltet ab. Das stimmt, und es wäre unredlich, den Teilnehmenden etwas anderes zu unterstellen als den Wunsch, jemanden zu finden, mit dem mehr entsteht als eine Nacht. Nur beantwortet die Freiwilligkeit eine andere Frage als die, um die es hier geht. Die Einwilligung zweier Menschen klärt, was zwischen ihnen geschehen darf. Sie klärt nicht, was ein Sender, eine Produktionsfirma und ein Händler daraus machen, wenn im Schneideraum die Fassung entsteht, die Quote bringt. Über die Bilder dieser Nächte verfügen dann nicht mehr die beiden, die sie erlebt haben, sondern ein Format und eine Produktlinie, die noch in diesem Herbst starten soll. Eine freie Gesellschaft erlaubt vieles, was sie deshalb noch lange nicht ausstellen, bewerben und in Serie verkaufen muss.

Die Kulisse verrät mehr, als ihren Erfindern lieb sein dürfte. Ein Haus mit französischem Namen, eine unsichtbare Madame, Zimmer, in denen für jeden Wunsch vorgesorgt ist: Das ist das Vokabular der maisons closes, jener Häuser, die Frankreich 1946 per Gesetz geschlossen hat. Der Vergleich soll den Teilnehmenden nichts unterstellen, niemand verkauft in diesem Hotel sich selbst. Er betrifft die Architektur, und bezahlt wird diesmal an anderer Stelle, im Abo und im Onlineshop. Hinter den Toren sei „alles möglich und alles erlaubt“, versprechen die Produzenten. Die Babylonier hätten den Satz über das Ischtar-Tor meißeln können, es war immerhin einer Göttin der Liebe geweiht.

Was soll jetzt noch kommen? Das Fernsehen hat darauf seine eigene Antwort. Jede Grenze, die fällt, zwingt das nächste Format, eine neue zu suchen, und der Vorrat an Tabus ist endlich.

Wer die Offenbarung weiterliest, findet eine andere Antwort. Zu dem, was mit Babylon verstummt, gehören die Musik, das Handwerk, das Licht der Lampen und, so steht es da, die Stimme von Bräutigam und Braut. Bei RTLZWEI gibt es die Hochzeitsnacht schon heute ohne Braut und Bräutigam, mit Rosenbogen, Kerzen und Kunstnamen. Doch im nächsten Kapitel, unmittelbar nach dem Fall der Stadt, bricht im Himmel ein Jubel aus, der in eine Hochzeit mündet. Auf Babylon folgt bei Johannes weder die nächste Stadt der Lust noch die große Leere. Es folgt ein Hochzeitsmahl.

Bis dahin gilt der Ruf, den Johannes kurz vor dem Fall der Stadt vom Himmel ergehen lässt: „Gehet aus von ihr, mein Volk, daß ihr nicht teilhaftig werdet ihrer Sünden.“ Verlangt wird der Auszug, und der steht jedem Einzelnen offen. Für „Maison Tabou“ ist das eine sehr praktische Auskunft. Das Format lebt von Abrufen auf RTL+, von der Quote um halb zwölf und von einer Produktlinie, die Käufer braucht. Nichts davon funktioniert ohne Menschen, die zusehen, bezahlen oder bestellen. Die Händler Babylons weinen, als niemand mehr ihre Ware kauft. Man kann ihren Nachfolgern nur wünschen, dass sie diese Klage bald anstimmen müssen.

David Dekorsi

Publizist für Generationengerechtigkeit, Wirtschaft und Sozialethik. Er schreibt die Kolumne HeuteÜberMorgen in IDEA. Anfragen und Kontakt.

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